Wohnen zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Kerzen, Lichterglanz und Tannenzweige. Plätzchenduft. Kaminfeuer. Pailletten und Kuscheldecken – Weihnachtszeit ist Hygge-Zeit. Aber für wen? Oder anders gefragt: Für wen nicht?

Hinter der Festbeleuchtung

Wer im Winter aufmerksam durch die Städte geht, sieht Menschen, die auf der Straße sitzen oder liegen. Sie halten sich an und in Bahnhöfen, unter Brücken, an Lüftungsschächten oder in öffentlichen Bibliotheken auf. Dies ist vermutlich keine freie Wahl, sondern der Tatsache geschuldet, dass diese Menschen keinen festen Wohnsitz mit vier Wänden, einer Heizung und einem Dach über dem Kopf haben. Nicht nur subjektiv nimmt die Zahl dieser Menschen zu. Im November 2025 wurden Zahlen veröffentlicht, die zeigen, dass der Anteil von Menschen ohne Wohnung steigt. Erstmals lag die Zahl der Menschen ohne Obdach bei über einer Million (Link). 

Zudem belegen weitere Zahlen, dass zunehmend auch junge Menschen, Familien und Erwerbstätige davon betroffen sind, keine bezahlbare Wohnung zu finden (Familien, junge Menschen).

Das ist eine traurige Bilanz für ein Land, das sowohl wirtschaftlich stark ist als auch durch eine soziale Marktwirtschaft bzw. einen Sozialstaat geprägt ist.

Wenn die Miete zur Existenzfrage wird

Wohnen ist ein Menschenrecht, das stark unter Druck steht: Die Kaufpreise sind für viele unerschwinglich und wer nicht erbt, hat es schwer, Eigentum zu erwerben. Auch die Mietpreise steigen, und die Mietpreisbremse vermag dem nur wenig entgegenzusetzen – wenn es sie denn gibt. Der Anteil des Haushaltseinkommens, der für Miete aufgewendet werden muss, wird für viele immer größer. 

Wohnen kann komfortabel sein, ist aber keine Komfortfrage. Wohnen sollte kein Privileg sein, sondern ein Grundrecht. Und vor allem ist Wohnen eine soziale Frage. Dass die Linke bei der letzten Bundestagswahl so überraschend stark abgeschnitten hat, liegt meiner Meinung nach auch daran, dass sie als einzige Partei das Thema „Wohnen” sichtbar nach oben auf die Agenda gesetzt hat. 

Mehr als nur ein Dach: Das Fundament der Selbstverwirklichung

Wohnen ist ein Grundrecht und ein Grundbedürfnis. Insbesondere das Bedürfnis nach Sicherheit können die eigenen vier Wände gewährleisten. Nach Maslows Bedürfnispyramide kommt es direkt nach der Existenzsicherung. Wenn wir es Menschen unmöglich machen, eine eigene Wohnung zu haben, dann erschweren wir ihnen auch den Aufstieg in der Bedürfnishierarchie: Sozialbedürfnis, Anerkennung und Wertschätzung, Selbstverwirklichung – all dies ist im Falle von Wohnungslosigkeit enorm erschwert. Und vielleicht ist Wohnen sogar Teil der Existenzsicherung – so wie Essen und Schlafen.

Inspiration und Diskurs: Wohnen im Fokus der Kultur

Das Thema „Wohnen“ rückte in letzter Zeit durch verschiedene Angebote wieder in den Fokus:

  • Ausstellungen: Kunsthalle Tübingen „Schöner Wohnen“, Kunstmuseen Krefeld / Kaiser-Wilhelm-Museum Krefeld „Charlotte Perriand: L’art d’habiter“

  • Bücher: “Wohnen” von Doris Dörrie, Hanser Berlin Verlag

  • Veranstaltungen: Friedrich-Ebert-Stiftung („Wohnen für alle!“), die im November 2025 stattfand. Begleitend gibt es die Ausstellung “Wohnen im Umbruch - Ein Zuhause für Alle!”, die hier virtuell besucht oder für einen Verleih angefragt werden kann.

  • Film: „27 Storeys - Alterlaa forever“ von Bianca Gleissinger (aktuell in der ZDF-Mediathek)

  • Podcast: Der Podcast “100 Minuten” von brand eins und dem Migros-Pionierfonds behandelt in seiner 3. Staffel unter der Überschrift “So wollen wir wohnen!” das Thema Wohnen, Gentrifizierung und Bezahlbarkeit.

Und dass dieses Thema jetzt in verschiedenen Facetten aufgegriffen wird, ist wichtig, denn bezahlbarer, klimagerechter und bedarfsgerechter Wohnraum ist eine der zentralen gesellschaftlichen Herausforderungen. Wir brauchen ihn, um Ungleichheit entgegenzutreten, die Durchmischung von Gesellschaftsschichten in der Stadt und auf dem Land zu erreichen und Verdrängungsprozesse zu vermeiden.

Ein Plädoyer für Demut und Mut zum Handeln

Demütig und kühn zu sein, wie ich kürzlich in einem anderen Kontext gelesen habe, ist auch hier angebracht: Demütig, weil wir uns glücklich schätzen können, wenn wir ein warmes, sicheres Zuhause haben. Kühn, weil wir uns weiterhin oder jetzt erst recht dafür einsetzen sollten, uns für Durchmischung und ein Wohnrecht für alle einzusetzen. Gerade jetzt zur Weihnachtszeit und zum Jahreswechsel ist ein guter Moment dafür – für Dankbarkeit und um Anlauf zu nehmen, um sich auch im nächsten Jahr dafür stark zu machen, das Recht auf „Wohnen für alle“ umzusetzen. 

Ich wünsche allen, dass sie die kalten Tage in warmen Räumen verbringen können, in Gesellschaft von Menschen, die sie gerne um sich haben möchten. Und wer noch themenbezogene Angebote sucht, dem dient die Auflistung oben vielleicht als Inspiration.

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