Endlich offline: Vom Wert des analogen Raumes in digitalen Zeiten

Wenn ihr in Online-Meetings sitzt und eure Kamera angeschaltet ist - was zeigt euer Hintergrund? 

  1. Das, was in der Situation zu sehen ist: Büro, Schlafzimmer, Café, Zugabteil etc.

  2. Ein virtueller Hintergrund: Weltraum, Lounge oder Wohnzimmer mit weißem Sofa, Pflanze und Wandregal - Hauptsache clean.

  3. “Blurry” -  ich deute an, dass etwas vorhanden ist, und das verändert sich auch, je nach Umständen. Konkretes bleibt aber in der Unschärfe.

Ein Freund hatte mal die Idee, für digitale Meetings einen Avatar zu erstellen, der präsent bleibt, wenn man selbst kurz nicht verfügbar ist, z. B. weil es an der Tür klingelt oder weil man im Zug in ein Funkloch gerät. Über diese Idee sprachen wir, bevor KI allgegenwärtig wurde. Jetzt ist diese Möglichkeit sehr viel näher gerückt und damit verschwimmen die Grenzen zwischen real und künstlich zunehmend. 

Schon bevor KI Einzug hielt, gab es die Diskussion, wie intensiv wir über physische Räume sprechen müssen, da digitale Räume immer wichtiger werden und physischen Räumen somit den Rang ablaufen. 

Und jetzt? Brauchen wir überhaupt noch „gute Architektur“, solange das WLAN stabil und die Temperatur angenehm ist?

Die Antwort lautet: Mehr denn je.

Gerade die KI mit ihren zahllos generierten Inhalten in Form von künstlich erstellten Bildern, Videos, Musik usw. verhilft dem Analogen zu einer Renaissance. Sie beeinflusst den physischen Raum und die Erfahrungen, die wir in Echtzeit darin machen. Wenn alles beliebig oft dupliziert, gefälscht und komplett falsch generiert werden kann, gewinnen tatsächliche Erfahrungen an Wert. „What you see is what you get“ oder „Ich glaube nur, was ich sehe“ bekommen jetzt einen neuen Stellenwert, weil sie nur im realen Raum erlebt werden können. Erlebnisse, die man alleine oder mit anderen zur gleichen Zeit erlebt, sind wahr und einmalig. Dazu gehören das Konzert, der Bar-Besuch oder das gemeinsame Kochen. Niemand möchte seine Freizeit damit verbringen, KI-generierte Weihnachtsbriefe zu lesen oder KI-generierte Bilder anzuschauen. Wir schauen schon so viel auf Displays, bitte nicht auch noch, wenn es nicht zwingend nötig ist. Dann doch lieber Erfahrungen sammeln, die auch sinnlich sind.

Architektur als Anker

Und damit komme ich wieder auf den Raum zurück: Wir brauchen den physischen Raum, den „Raum zum Anfassen“. Wir brauchen ihn, um uns zu verorten und zu verstehen, wo oben und unten, vorne und hinten ist. Wir brauchen den Raum, um Erinnerungen zu festigen, denn er wirkt wie ein Anker. Manchmal wirkt er auch wie ein Verstärker, beispielsweise in einem sakralen Kontext. Wir brauchen den Raum, weil wir andere Menschen brauchen – auch wenn sie manchmal nerven –, um uns selbst zu erleben. Gerade öffentliche Räume sind Orte, an denen wir viel von anderen Menschen wahrnehmen können. Wir brauchen physische Räume, weil sie sinnlich sind. Sie regen verschiedene Sinne in uns an und wir bewegen uns in ihnen. 


Wir brauchen den physischen Raum nicht nur als Schutzhülle, sondern als kognitives Werkzeug:

  • Verortung: Er sagt uns, wo oben und unten, privat und öffentlich ist.

  • Erinnerung: Der Raum fungiert als Anker für unser Gedächtnis.

  • Resonanz: Er wirkt als Verstärker für soziale und emotionale Erfahrungen.

  • Sinnlichkeit: Architektur regt alle Sinne an, über das Visuelle hinaus.

Das Ende der Eindimensionalität

Digitale Meetings sind oft “flach”. Sie können die Mehrschichtigkeit von Menschen nur schwer abbilden. Das Gespräch „face-to-face“ liefert dagegen viel mehr Eindrücke: Ich sehe, ob eine Person nervös mit den Händen spielt, spüre die Atmosphäre im Raum, erhalte beiläufige Informationen beim gemeinsamen Kaffee. 

Ein Raum ist immer mehrdimensional und anregender als eine digitale Erfahrung. Und selbst digitale Ereignisse finden in einem gebauten Raum statt. Sie brauchen Infrastruktur, Wärme usw. Weil das Digitale Teil unseres Lebens und unserer Arbeit bleiben wird und wir uns gleichzeitig nach wahren und einmaligen Erlebnissen sehnen, um weiterhin Echtes von Unechtem unterscheiden zu können, wird die Bedeutung von Raum und Architektur zunehmen.

Indem wir uns nach wahren, einmaligen Erlebnissen sehnen, um Echtes von Unechtem, Künstliches vom Realen unterscheiden zu können, wird die Bedeutung von Architektur zunehmen. Sie ist der Rahmen für das, was berührt.

Ein sehr schöner Artikel in der ZEIT führt die, wie ich es nenne, Renaissance der realen Erlebnisse aus: Offlinesein: Status: offline. Dabeisein ist jetzt wirklich alles

Klare Leseempfehlung!

Was sind eure Lieblings-Erfahrungen der letzten Zeit? In welchen Räumen habt ihr euch zuletzt so richtig „echt“ gefühlt?

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Wohnen zwischen Wunsch und Wirklichkeit