Boah, Basel!
Basel ist sicherlich kein Geheimtipp, wenn es um Kunst und Architektur geht, denn eine solch hohe Dichte an hochwertiger Kunst und Architektur auf verhältnismäßig kleiner Fläche ist selten zu finden – und das alles im charmanten „Schweizer Gewand“: höflich, stilvoll, hochwertig.
Ein Besuch in Basel ist wie eine Mischung aus Architekturvorlesung und Freilichtmuseum der Architekturikonen. Eine Architektur-Exkursion dorthin eignet sich, um zu erleben, mit wie vielen gestalterischen Ausdrucksweisen Haltung über Architektur ausgedrückt wird.
Roche und Novartis – zwei Unternehmen, zwei architektonische Selbstbilder
Wer sich mit Corporate Architecture beschäftigen möchte, findet in Basel zwei besonders eindrückliche Beispiele: die Firmensitze der Pharma-Unternehmen Roche und Novartis. Bei beiden Arealen handelt es sich um eine architektonisch starke, faszinierend anzusehende, hochkarätige, ausdrucksstarke und moderne Architektur - und doch weichen beide Areale in ihrer Aussage deutlich voneinander ab. Im Vergleich dieser beiden Firmenareale wird anschaulich, wie sehr Architektur Ausdrucksmittel und Visitenkarte der Firmenphilosophie sein kann - also als Teil der Corporate Identity dient.
Roche: Klarheit, Kontrolle, Zukunft als Monument
Was in Paris der Eiffelturm ist, sind in Basel die beiden Roche-Türme von Herzog & de Meuron: Die Türme sind weithin von überall in der Stadt zu sehen und überragen als höchste Bauwerke der Schweiz (!) deutlich die übrige Bebauung. Aber anders als der Eiffelturm erlauben die weißen, einseitig abgetreppten Türme, die im neunzig Grad-Winkel zueinander stehen, von überall eine leicht veränderte Erscheinung - sie sind wie eine Skulptur, die sich jedes Mal etwas anders präsentiert, je nachdem, von wo man auf sie blickt. Nähert man sich dem Roche-Areal, trifft man auf eine Zusammenstellung von Bauten, die vor allem von weißen, glatten, “cleanen” und reduzierten Gebäuden geprägt sind und die vor allem aus Glasflächen und weißen Materialien bestehen. Einzelne Brücken verbinden die Gebäude, ab und zu findet sich ein Kunstwerk oder eine kunstvoll angelegte Grünfläche dazwischen. Das ganze Ensemble strahlt Zukunft, Moderne und Klarheit aus. So ungefähr muss das Bauhausgebäude in Dessau nach seiner Fertigstellung gewirkt haben: Das Gefühl, hier entsteht etwas Neues. Hier wird die Zukunft entwickelt. Das gelingt dem Unternehmen, das vornehmlich auf seine “Hausarchitekten” Herzog & de Meuron setzt. Im Visitor-Center gibt es mit Bildschirmen, 3D-Brillen und interaktiven Modellen mehr Informationen über das Unternehmen und die Architektur auf dem Areal. An Samstagen kann man im Rahmen einer Führung auf einen der Türme hinauffahren.
Novartis: Campus, Vielfalt und Urbanität als Programm
Auf eine ganz andere Ausdrucksweise setzt Novartis. Das beginnt schon bei der Namensgebung: Während Roche vom “Areal” spricht, heißt das Gelände hier “Campus” - und genau das ist es: Ein Forschungscampus, der mit seinen Gebäuden Offenheit, Vielfalt und Internationalität ausdrückt. Wie an einer Perlenkette reihen sich qualitätsvolle Gebäude von bekannten Architekten aus verschiedenen Bauzeiten aneinander und vermitteln so eine Brücke zwischen der Firmenvergangenheit, -gegenwart und -zukunft. Gehry, Ando, Chipperfield, Diener & Diener, Märkli und - sehr präsent in Basel - Herzog & de Meuron prägen das Bild neben weiteren bekannten Größen aus der Architekturszene.
Wer tiefer in die Welt der Pharmazie einsteigen möchte, kann im Novartis Pavillon die Ausstellung “Wonders of Medicine” besuchen. Das Gebäude fügt sich selbstverständlich in die Reihe der Campusbauten ein: ein gugelhupfartiger Baukörper mit schimmernder, schlangenartiger Haut aus PV-Paneelen, der in der Sonne am Rhein glänzt, während sich im Hintergrund der Campus öffnet.
An Wochentagen ist der Campus frei zugänglich. Über einen Audioguide lassen sich unterschiedliche thematische Führungen – etwa zur Architektur – unkompliziert erkunden. Kunstwerke ergänzen die Gebäude und sind gezielt im Campusraum platziert.
Ein besonderes Beispiel für die Verbindung von Kunst und Architektur ist das Forum 3. Hier haben das Architekturbüro Diener & Diener Architekten und Gerold Wiederin gemeinsam mit dem Künstler Helmut Federle ein gebautes Kunstwerk geschaffen: Die unterschiedlich farbigen, übereinander geschichten Glasplatten der Fassade erzeugen den Eindruck einer halbtransparenten Haut, die sich an keiner Stelle wiederholt und eine Vielzahl unterschiedlicher Bildausschnitte ergibt. Das ist nicht nur schön anzusehen, sondern bringt einen Teil der Firmengeschichte in die Gegenwart, denn bei den Farben der Glasplatten handelt es sich um die Farbtöne, die Novartis zu Beginn seiner Firmengeschichte produziert hat.
Auch die anderen Gebäude, die sich entlang sehr geradliniger Achsen aufreihen, zeugen von Vielfalt und Abwechslung, zum Beispiel die strenge Ordnung eines Chipperfield-Baus neben der expressiven Wolke von Gehry im Zentrum des Campus. Und während am Ende des Geländes das spitz zulaufende Gebäude von Tadao Ando zeigt, wie elegant mit Sichtbeton gestaltet werden kann, setzt Rahul Mehrotra auf aktuelle Themen der Architektur: begrünte Fassaden und Holzelemente stehen hier als Ausdruck für bauliche Nachhaltigkeit.
Zwischen Distanz und Offenheit – Architektur als Ausdruck von Firmenphilosophie
Der Besuch beider Firmengelände macht eindrucksvoll deutlich, wie sehr Architektur als Ausdruck der Firmenphilosophie eingesetzt wird. Beide Firmen werben damit, fortschrittlich, innovativ, ambitioniert, exzellent und weltweit tätig zu sein. Aber der Blick auf die Architektur macht Unterschiede deutlich: Während sich Roche eher medizinisch kühl, klar, fast unnahbar, überirdisch darstellt, setzt Novartis auf Offenheit, Kollaboration, Vielfalt und Zugänglichkeit. Durch das Mittel der Architektur werden unterschiedliche Geschichten erzählt.
Eingebettet, weitergebaut, weitergedacht – Architektur im Dialog mit Raum und Gesellschaft
Neben diesen beiden architekturdichten Ensembles gibt es in Basel weitere Projekte, die weniger als ikonische Solitäre wirken, sondern vielmehr durch ihre Einbindung in Umgebung, Bestand und Gesellschaft überzeugen.
Ein sensibles Gesamtkunstwerk: Die Fondation Beyeler
Die Fondation Beyeler von Renzo Piano ist längst eine Architekturikone. Sensibel eingebettet in die Landschaft aus loser, dörflicher Bebauung und Pferdekoppeln, entfaltet das Museum seine Wirkung leise und selbstverständlich. Man muss das Museum gar nicht betreten, um die Schönheit im Innen und Außen zu spüren. Vom Park aus lässt sich durch die großen Fenster sowohl die zurückhaltende Architektur als auch die hochkarätige Kunst im Inneren wahrnehmen. Manchmal wird sogar der Teich Teil der Ausstellung, zum Beispiel mit hunderten spiegelnden Kugeln von Yayoi Kusama, die sich meditativ langsam auf dem Wasser bewegen und zu immer neuen Gebilden zusammenkommen (“Narcissus Garden”). Ein emotionaler Genuss.
Spannend bleibt, wie sich der derzeit entstehende Erweiterungsbau von Peter Zumthor in dieses Gesamtkunstwerk einfügen oder es weiterentwickeln wird.
Alt trifft Neu: Das Transitlager Münchenstein
Die Schweiz kann Bestand. Gebäude werden hier nicht nur sorgfältig geplant und gebaut, sondern auch bewahrt und weitergedacht. Ein besonders gelungenes Beispiel für die Verbindung von Alt und Neu ist das Transitlager in Münchenstein.
Auf ein Bestandsgebäude aus den 1960er Jahren hat BIG eine dreigeschossige Aufstockung gesetzt, die sich formal deutlich absetzt. Auf der geradlinigen Grundstruktur sitzt eine zickzackförmige, spitz zulaufende Aufstockung, deren Spitzen an den Außenseiten überkragen und sich an den Innenseiten deutlich zurückziehen.
Trotz der starken formalen Unterschiede entsteht ein stimmiges, spannungsreiches Ganzes und eine gelungene architektonische Verbindung von Alt und Neu., durchaus mit Symbolcharakter für das ehemalige Industriegelände, das heute einer neuen Nutzung zugeführt wird. Und wer ohnehin im Dreispitzareal unterwegs ist, sollte auch dem benachbarten Gebäude „Helsinki Dreispitz“ von Herzog & de Meuron einen Blick schenken – nicht nur wegen der skulpturalen Gesamterscheinung, sondern auch wegen der konstruktiven Details.
Das pure Leben: Die Markthalle Basel
Dieser Ort ist die gebaute Verwirklichung einer sozialdemokratisch orientierten, kulturell interessierten und architektonisch versierten Vision. In der ehemaligen Markthalle aus den 1920er Jahren findet sich heute neues, urbanes Marktleben. Die imposante Kuppel überspannt die Marktbuden, in denen es Snacks und Mahlzeiten unterschiedlicher Länder und Küchen zu fairen Preisen gibt. An den Seiten sind Einkaufsläden, Weinläden, Cafés. Dazwischen einfache Tische, Bänke und Stühle – mal geordnet, mal chaotisch, mal Klappstuhl, mal Rokoko-Polsterstuhl, mal alter Küchentisch neben dem Biertisch. Und überall ist Leben: Kinder rennen auf Socken zwischen den Tischen herum oder rutschen die gewendelte Röhrenrutsche in die untere Etage, Erwachsene spielen Karten, Budenbesitzer machen ihren Kassensturz, im Café sitzen Freunde mit Hot Matcha auf durchgesessenen Ledersofas. Im “Wohnzimmer” wird sonntags gemeinsam Tatort geschaut.
Die großformatigen Ladenbeschriftungen im Schablonenstil erinnern an überdimensionale Scrabble-Buchstaben und geben der Vielfalt einen gestalterischen Rahmen. Die Atmosphäre ist offen und zugleich intim – so sehr, dass man diese friedliche Vielfalt nicht mit Fotografieren stören möchte.
Die alte Markthalle mit neuem Leben, hier Blick in das Zentrum der Halle
Boah, Basel! - Drei Tage reichen nicht
Drei Tage in Basel.
Wetter: sonnig, aber kalt.
Anspruch: möglichst viel sehen.
Fazit: viel gesehen, aber doch längst nicht alles.
Drei Tage reichen nicht aus. Und nur ein Blogbeitrag ebenfalls nicht, um Kunst und Architektur in Basel gerecht zu werden.
More to come …