Empathic Spaces I - Räume mit Wirkung

©Mathias Mangold, 2025

Raumwirkung zu erforschen ist das eine. Raumbedürfnisse zu erforschen - das andere: Wie schaffen wir Räume, die auf die Bedürfnisse ihrer Nutzer reagieren? “Empathic Spaces”, also Empathische Räume, antizipieren Bedürfnisse als gebaute Wirklichkeit.

Damit uns Empathische Räume gelingen, wird das Einfühlen-Können in die zukünftigen Nutzer:innen und auch das Erheben ihrer Bedürfnisse als Voraussetzung gesehen. Doch Empathie allein genügt nicht. Sie muss methodisch reflektiert, strukturell verankert und in Gestaltung übersetzt werden. Aber wie können wir Bedürfnisse so erheben, dass sie tatsächlich Gestaltungskraft entwickeln? Und können wir dies so neutral und objektiv tun, wie es die Wissenschaft verlangt?

Antworten auf diese Fragen zu einer partizipativen, forschungsbasierten Architektur liefert das Buch “Empathic Spaces - Ansätze und Methoden für eine bedürfnisorientierte Innenarchitektur”, das kürzlich (2026) bei Transcript erschienen ist. 

Im Zusammenspiel mit dem Symposium, zu dem ich anlässlich der Bucherscheinung nach Luzern fuhr, habe ich fünf Thesen für eine bedürfnisorientierte Gestaltung abgeleitet. Empathie ist nicht nur Teil der Haltung, sondern kann als planerische Kompetenz begriffen werden. 


5 Thesen für eine bedürfnisorientierte Innenarchitektur

Empathische Räume entstehen nicht zufällig, sondern sie sind das Ergebnis einer bewussten, forschenden Haltung.

  1. Empathische Räume brauchen empathische Forscher:innen. Die Fähigkeit, Nutzerbedürfnisse angemessen zu erheben, setzt nicht nur methodisches Wissen, sondern auch kommunikative Kompetenz und ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen voraus.

  2. Empathie ist lehr- und lernbar. Schlüsselkompetenzen sollten bereits im Architektur- und Innenarchitekturstudium verankert sein. Nicht zwingend in Form klassischer Statistikseminare, sondern in anwendungsorientierten, interdisziplinären Lernformaten mit Nähe zur Praxis und zum belebten Raum.

  3. Methoden müssen nicht komplex sein. Manchmal ist ein einfaches, aufmerksam geführtes Gespräch erkenntnisreicher als ein formalisiertes Interview oder ein elaboriertes Analyse-Tool (besonders, wenn die Datengrundlage nicht valide ist).

  4. Raumforschung ist selten objektiv. Sie lebt von Interpretation, Kontextwissen, Erfahrung und dem offenen Austausch zwischen Forschenden und Nutzenden.

  5. Sprache ist ein unterschätztes Entwurfswerkzeug. Verbale Kommunikation wird oft unterschätzt, ist aber ein präzises, sensibles Werkzeug, um Bedürfnisse, Atmosphären und Wahrnehmungen zu erschließen.


Erkenntnisse für die Planungspraxis

Viele Menschen, viel Zeit und viel Geld sind in der Regel beteiligt, wenn Architektur entsteht. Damit weiterhin (oder überhaupt - je nach Gebäude) qualitätsvolle Gebäude entstehen, können die folgenden Handlungen dazu beitragen, dass dies gelingt.

  • Ermitteln. Die Leistungsphase Null ist das strategische Instrument, mit dem Bedürfnisse systematisch erhoben und der Austausch zwischen Beteiligten strukturiert werden kann. Sie ist keine Vorstufe des Entwurfs, sondern dessen Fundament. Dies als eigenständige Dienstleistung anzubieten, kann eine Lücke im klassischen Architekturdienstleistungsangebot schließen.

  • Intensivieren. Ortsanalyse intensivieren. Eine tiefergehende Auseinandersetzung mit vorhandenen Gegebenheiten und ökologischen Rahmenbedingungen ist keine Zeitverschwendung, sondern Basis fundierter Konzepte. 

  • Hinterfragen. Planungsaufgaben dürfen kritisch hinterfragt werden. Ausschreibungen sollten nicht ungeprüft übernommen, sondern hinsichtlich Notwendigkeit, Bestand und möglicher Alternativen analysiert werden. 

  • Experimentieren. Insbesondere im Modell: Physische Modelle eröffnen Potenziale zur Weiterentwicklung von Tragwerk, Materialität und Form und fördern Innovationen.

  • Kollaborieren. Die frühzeitige Einbindung anderer Disziplinen wie Tragwerksplanung, Freiraumgestaltung oder Biologie kann zu deutlich robusteren Konzepten führen – idealerweise bereits in der Bewerbungsphase. 

  • Visualisieren. Visualisierungen müssen überzeugen: Ausdrucksstarke, atmosphärische Darstellungen steigern nicht nur die Qualität des Entwurfs, sondern auch ihre kommunikative Wirkung in Wettbewerben und bei Nutzer:innen. Visualisieren geht über reine Visualisierungen hinaus, es geht auch um Diagramme, Modelle, Zusammenhänge, Farbigkeiten etc.

  • Evaluieren. Der Designprozess muss geschlossen werden – nicht nur im Vorfeld, sondern auch nach Realisierung eines Projekts. Gebäude müssen aus der Nutzung heraus befragt werden. Der in Deutschland wenig verbreitete Ansatz der Post-Occupancy-Evaluation (POE) oder Building-Performance-Evaluation (BPE) trägt dem Rechnung. Er ermöglicht es, Planungsannahmen mit der gebauten Realität abzugleichen und aus Abweichungen zu lernen. So können Evaluation und Bedarfsermittlung als selbstverständliche Phasen zwischen Entwurf und Übergabe eines Gebäudes verankert werden. 

  • Transferieren. Spezialisierung ist notwendig. Doch ebenso wichtig ist die Fähigkeit zum Transfer. Wir brauchen Vermittler:innen zwischen Theorie und Praxis, zwischen Innen und Außen, zwischen Mensch und Gebäude, zwischen Detail und System. Transferkompetenz bedeutet, Zusammenhänge zu erkennen und Wissen anschlussfähig zu machen. Dann verbinden sich wissenschaftliche Perspektiven mit den Herausforderungen der Planungs- und Baupraxis.

Empathische Räume entstehen nicht durch Intuition allein oder durch die Umsetzung von Raumprogrammen, sondern vielmehr durch strukturierte, reflektierte Prozesse und Erfahrung. Sie sind Ausdruck unserer Haltung und unserem Anspruch an Architektur.

#GesundeRäume

Wie wir im Gesundheitswesen zu Empathischen Räumen kommen, ist im Beitrag “Bedürfnisse des Personals an die räumliche Gestaltung von Gesundheitseinrichtungen” von Katharina König und mir nachzulesen. Der Beitrag ist als Open Access verfügbar.

Fotos: ©Mathias Mangold, 2025
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Boah, Basel!