“Nur Liebesbriefe, büdde!”

Auf einem Briefkasten steht: "Nur Liebesbriefe, büdde!"

Morgens auf dem Weg zur Arbeit sehe ich ihn, den Satz “Nur Liebesbriefe, büdde!”. Handschriftlich, lilafarben auf den gelben Briefkasten geschrieben, die i-Punkte als Herzchen. 

Wenn wir mit offenen Augen durch unsere Umgebung laufen, finden wir sie überall: Zeichen der Kommunikation. Zeichen, wie Menschen in Kontakt mit der Umwelt treten und damit Umwelt und Handlungen beeinflussen. Damit sind Ergebnisse der Handlungen wie unsichtbare Bänder, die von Mensch zu Mensch geknüpft werden.

Was wir wollen

Objekte fungieren dabei als Vermittler. Sie finden sich in zahlreichen Formen und Sprachen: Sei es der Monoblockstuhl in der Telefonzelle, die zwei Rattanstühle an der Bushaltestelle, das „öffentliche Wohnzimmer“ mit Sofa, Whiteboard und Küchentisch am ehemaligen Checkpoint oder der Satz „Wissen ist eine Holschuld“ am offenen Bücherregal. Die von Menschen geschaffene, zufällig gestaltete Umwelt lädt uns dazu ein, nachzudenken und etwas Neues zu tun oder zu entdecken. Unsere Aufmerksamkeit wird erregt, wenn wir etwas Unerwartetes sehen, das uns irritiert – sofern wir dafür offen sind. Szenen dieser Art gibt es viele im Alltag, und manchmal ist es ein schmaler Grat zwischen Vandalismus, unerlaubter Aneignung, bildender Kunst und Kunstinstallation. Diese Installationen arbeiten mit Affordanzen: Objekte haben einen Aufforderungscharakter, den wir als Einladung annehmen können. Als Einladung, uns anders zu verhalten oder neu zu denken.

Was wir brauchen

Neben bewusst gestalteten, inszenierten Situationen gibt es auch solche, die vermutlich eher ungeplant entstanden sind. Dazu gehört der türkisfarbene Hartschalen-Reisekoffer an der Boulderwand im Lichthof des Hochschulgebäudes. Das Schild „Tür defekt“ an der einzigen Ladentür, die Kombination aus „Fahrräder abstellen verboten“-Schild und angeketteten Fahrrädern oder „Betreten verboten“ am Kunstwerk, auf dem ein Mann sitzt und durch sein Handy scrollt. Diese ungeplanten Szenen sind manchmal zum Schmunzeln – die wenigsten wollten witzig sein oder etwas Unerlaubtes tun. Aber mit einem unbeteiligten Blick lassen sich humorvolle Momente oder sogar tiefere Symboliken in Situationen erkennen. Textnotizen können dabei besonders aufschlussreich sein. In der Idee von „Notes of Berlin“ verdichten sich beispielsweise skurrile Botschaften als Zeugnisse aus dem Großstadtleben.

Diese zufällig entstandenen Situationen können uns auch darüber Aufschluss geben, was gebraucht wird. Wenn wir diese Spuren ernst nehmen, können wir Bedarfe erkennen. Es gibt die Theorie der „revealed preferences“ (offenbarten Präferenzen), die besagt, dass sich aus den Handlungen von Menschen ableiten lässt, was sie wollen. Ich möchte ergänzen: Aus Handlungen lässt sich ablesen, was Menschen brauchen: Sitzplätze, Rückenlehnen, Fahrradabstellplätze, Wohnraum, Privatheit. Und ohne die Menschen befragen zu müssen, liefern uns die Spuren im Alltag bereits genug Hinweise darauf.

Wo wir stehen

Eine weitere Ausdrucksform sind Spuren, die durch Nutzung entstehen und zu einem eigenen Symbolbild werden. Zahlreiche Zahlenschlösser am Hauseingang weisen beispielsweise auf die große Anzahl von Airbnb-Wohnungen in Städten hin. Die ordentliche Aufreihung von Energy-Drink, Bild-Zeitung, Kerze, Bier und Croissants auf einer Balustrade am S-Bahnhof inklusive Sonnenschirm macht Wohnungslosigkeit deutlich - nicht als Statistik, sondern als alltägliche Realität. Situationen dieser Art lassen sich überall finden, wenn wir die Offenheit haben, sie wahrzunehmen.

Wir können unsere Umwelt lesen. Und wir können die Welt mit Alltagsgegenständen verändern. Die gebaute Umwelt besteht aus mehr als Gebäuden, Straßen und Plätzen, sondern auch aus Nutzungsspuren und Handlungen des Alltags.

Beobachten. Staunt. Lasst euch ansprechen. Die Welt wimmelt von Botschaften, denn Räume sind nie fertig. Sie werden besetzt, beschrieben, beklebt, verschoben, ergänzt, benutzt, zweckentfremdet und neu interpretiert.

Wenn wir lernen, Räume zu lesen, können wir Gesellschaft, Bedarfe und Bedürfnisse verstehen. Dafür müssen wir zunächst genauer hinschauen. Also: Please. Look. Again.

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City in the City - Architektur für Genuss und Genesung